Die Studie der Bertelsmann Stiftung „Europe’s Call for Greater Independence“ zeigt einen deutlichen Wandel in der öffentlichen Meinung innerhalb der Europäischen Union. Demnach sprechen sich inzwischen 73 Prozent der EU-Bürger*innen dafür aus, dass Europa künftig stärker unabhängig von den Vereinigten Staaten handeln sollte. Im Jahr 2024 lag dieser Wert noch bei 63 Prozent. Besonders stark ist der Anstieg bei älteren Europäer*innen.
Die Untersuchung beschreibt eine veränderte Wahrnehmung der transatlantischen Beziehungen eineinhalb Jahre nach Beginn der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump. 58 Prozent der Befragten betrachten die USA nicht mehr als vertrauenswürdigen Partner. Zwar gelten die Vereinigten Staaten weiterhin für 31 Prozent der Befragten als wichtigster Partner Europas, jedoch ist dieser Wert gegenüber 2024 um 20 Prozentpunkte gesunken.
Gleichzeitig zeigt die Studie, dass sich die zunehmende Distanz zu den USA nicht in einer stärkeren Annäherung an China ausdrückt. China wird weiterhin überwiegend skeptisch betrachtet. Große Mehrheiten der Befragten sprechen sich dafür aus (77 Prozent), wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten zu reduzieren – auch dann, wenn dies wirtschaftliche Nachteile mit sich bringen könnte.
Neue Orientierung innerhalb bestehender Bündnisse
Die Autor*innen der Studie beobachten eine Neuorientierung innerhalb bestehender Partnerschaften. Vor allem das Vereinigte Königreich und Kanada gewinnen aus Sicht vieler Europäer*innen an Bedeutung als strategische Partner. Die Unterstützung für die NATO bleibt dabei stabil: 63 Prozent der Befragten sehen das Bündnis weiterhin als zentralen Pfeiler europäischer Sicherheit.
Die Ergebnisse deuten auch daraufhin, dass die gewünschte größere Unabhängigkeit nicht zu einer völligen Abkehr bestehender internationalen Partnerschaften und dem transatlantischen Bündnis führen soll. Die befragten Europäer*innen präferieren die internationale Zusammenarbeit.
Aktive Rolle der EU bei weltpolitischen Themen
Die Studie zeigt, dass viele Bürger*innen sich eine stärkere europäische Handlungsfähigkeit insbesondere in der Außen- und Sicherheitspolitik wünschen. Der Aufbau eigener politischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Fähigkeiten wird dabei als zentrale Voraussetzung für mehr Unabhängigkeit betrachtet.
Trotz geopolitischen Spannungen und Krieg meint die Mehrheit der Europäer*innen weiterhin (78 Prozent), dass internationale Angelegenheiten eher von Zusammenarbeit geprägt sind und davon eher profitiert wird als von Wettbewerb.
Über die Studie
Die Studie analysiert Stichproben aus allen 27 EU-Mitgliedstaaten sowie im Vereinigten Königreich im September 2024 und im März 2026. Die aufgenommen länderübergreifenden Unterschiede des Berichts beschränken sich auf Länder mit ausreichend großen Stichproben: Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, die Niederlande, Polen, Portugal (seit 2025) und Spanien sowie das Vereinigte Königreich. Die Studie wurde im Vorfeld des Europatags am 9. Mai veröffentlicht und untersucht Einstellungen zur europäischen Außenpolitik, Sicherheitspolitik und internationalen Zusammenarbeit.
