Stand der Digitalen Dekade 2026: Ohne entschlossenes Handeln droht die EU ihr Ziel von 20 Millionen IKT-Fachkräften zu verfehlen

Der Bericht zur EU-Digitalstrategie „State of the Digital Decade 2026“ zeigt: Trotz Fortschritten bei der Digitalisierung droht die EU ihre Ziele für digitale Kompetenzen und IKT-Fachkräfte bis 2030 deutlich zu verfehlen.

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Am 17. Juni 2026 veröffentlichte die Europäische Kommission den Bericht zur EU-Digitalstrategie State of the Digital Decade 2026 sowie das zugehörige Maßnahmenpaket.

Dem Bericht zufolge hat Europa bei der digitalen Transformation von Dienstleistungen, Wirtschaft und Gesellschaft deutliche Fortschritte erzielt. Die Grundlagen der Digitalisierung sind weitgehend geschaffen. Gleichzeitig sind jedoch weitere Anstrengungen erforderlich, um bestehende Umsetzungslücken zu schließen. Insbesondere bei Skalierung, Umsetzungsgeschwindigkeit und Koordinierung besteht Handlungsbedarf. Erhebliche Defizite bestehen weiterhin bei Basistechnologien, Rechenkapazitäten, Cybersicherheit, der Einführung fortgeschrittener digitaler Technologien sowie bei digitalen Kompetenzen und der Fähigkeit zur Skalierung.

Die Zeit, in der digitale Transformation vor allem mit Innovation und Produktivitätsgewinnen verbunden wurde, ist vorbei. Im Jahr 2026 steht sie zunehmend im Zusammenhang mit Resilienz, Sicherheit, Demokratie und den Grundwerten der Europäischen Union. Der Bericht macht deutlich, dass die Bewältigung dieser Herausforderungen von einer konsequent menschenzentrierten digitalen Transformation abhängt, die zugleich Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Sicherheit der Union stärkt. Ziel ist es, die technologische Souveränität Europas auszubauen, ohne dabei den wichtigsten Erfolgsfaktor aus dem Blick zu verlieren: die Menschen.

Fortschritte der EU im Jahr 2025: Trotz messbarer Erfolge bestehen weiterhin Lücken

Der Bericht beschränkt sich nicht auf eine Bestandsaufnahme aktueller Entwicklungen, sondern untersucht die strukturellen Faktoren, die Europas digitale Leistungsfähigkeit, Reformen und Investitionen fördern oder hemmen.

Eine zentrale Erkenntnis zieht sich durch den gesamten Bericht: Trotz spürbarer Fortschritte seit 2022 reicht das derzeitige Entwicklungstempo nicht aus, um die Ziele der Digitalen Dekade zu erreichen oder den Herausforderungen des digitalen Wandels wirksam zu begegnen.

Kompetenzbezogene Schwerpunkte im Bericht 2026: Wo besteht der größte Handlungsbedarf?

Der Bericht nennt drei Bereiche, in denen besonders dringender Handlungsbedarf besteht:

1. Digitale Kompetenzen

Die Ziele der Digitalen Dekade sehen vor, dass bis 2030 80 % der EU-Bevölkerung über grundlegende digitale Kompetenzen verfügen und 20 Millionen IKT-Fachkräfte beschäftigt sind.

Derzeit verfügen etwas mehr als 60 % der Europäer*innen über grundlegende digitale Kompetenzen. Der Anteil der IKT-Fachkräfte bleibt jedoch deutlich hinter den Zielvorgaben zurück: Im Jahr 2025 machten sie lediglich 5 % der Erwerbstätigen aus – und damit erst die Hälfte des angestrebten Anteils von 10 %. Frauen sind mit weniger als 20 % der IKT-Fachkräfte weiterhin deutlich unterrepräsentiert.

2. Einführung digitaler Technologien in Unternehmen

Jedes fünfte europäische Unternehmen setzt Künstliche Intelligenz bereits in betrieblichen Prozessen ein. Gegenüber dem Vorjahr stieg die Nutzung von KI im Jahr 2025 um 48 %. Rund 46,5 % der Unternehmen nutzen Cloud-Computing, knapp 40 % arbeiten datenbasiert.

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die den überwiegenden Teil der europäischen Wirtschaft ausmachen, stoßen trotz zunehmender digitaler Reife weiterhin auf Hürden bei Kompetenzen, Ressourcen, Infrastruktur und Zugang zu digitalen Technologien.

3. Gesellschaftliche Herausforderungen an der Schnittstelle von Digitalisierung und sozialen Bedürfnissen

Mit der zunehmenden Digitalisierung wachsen auch die gesellschaftlichen Risiken. Besonders besorgt sind europäische Bürgerinnen über den Schutz gefährdeter Gruppen – insbesondere von Kindern –, über Online-Manipulation, Desinformation sowie irreführende oder schädliche KI-generierte Inhalte. Rund 80 % der Europäerinnen sprechen sich dafür aus, Künstliche Intelligenz mit der notwendigen Sorgfalt zu regulieren.

Wie nah ist Europa an den Zielen der Digitalen Dekade? Fortschritte bei digitalen Kompetenzen bleiben uneinheitlich

Seit 2022 bildet das Politikprogramm für die Digitale Dekade den strategischen Rahmen für die digitale Entwicklung Europas. Es verbindet gemeinsame Ziele mit einem umfassenden Monitoring sowie nationalen Strategischen Fahrplänen und einer Koordinierung auf EU-Ebene über das Digital Decade Board.

Wie die im Bericht dargestellten Daten zeigen, sind die Fortschritte in vielen Bereichen messbar. Gleichzeitig bestehen insbesondere bei der Entwicklung digitaler Kompetenzen weiterhin deutliche Defizite.

So stagniert die Zahl der IKT-Fachkräfte, und auch bei den grundlegenden digitalen Kompetenzen liegt die EU weiterhin hinter dem Zielpfad für 2030. Im Bereich digitaler öffentlicher Dienstleistungen werden Angebote für Bürger*innen und Unternehmen voraussichtlich lediglich rund 90 % des angestrebten Zielwertes erreichen.

Digitale Kompetenzen: Herausforderungen bis 2030

Die Digitale Dekade versteht den digitalen Wandel als einen menschenzentrierten Transformationsprozess. Digitale Kompetenzen werden dabei sowohl als Voraussetzung für technologische Souveränität als auch für die erfolgreiche Einführung neuer Technologien betrachtet. Gerade bei grundlegenden digitalen Kompetenzen und IKT-Fachkräften bestehen jedoch weiterhin erhebliche Defizite.

Grundlegende digitale Kompetenzen: Zielerreichung erst 2037?

Trotz erheblicher Investitionszusagen der Mitgliedstaaten liegt die EU derzeit nicht auf Kurs, das Ziel von 80 % der Bevölkerung mit grundlegenden digitalen Kompetenzen bis 2030 zu erreichen. Nach aktuellen Prognosen wird dieses Ziel erst 2037 erreicht.

Zwar umfassen die nationalen Strategischen Fahrpläne Investitionen von fast 300 Milliarden Euro, davon rund 205,9 Milliarden Euro aus öffentlichen Mitteln. Dennoch verfügen derzeit nur rund 60 % der Europäer*innen über grundlegende digitale Kompetenzen. Bis 2030 dürfte dieser Anteil lediglich auf etwa 68 % steigen.

Besonders betroffen sind ältere Menschen, Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status sowie Menschen in ländlichen Regionen, in denen digitale Ausgrenzung häufiger vorkommt.

Der Bericht nennt drei zentrale Ursachen:

  • Bestehende Bildungs- und Weiterbildungsangebote erreichen gefährdete Gruppen nur unzureichend.
  • Investitionen konzentrieren sich überwiegend auf formale Bildung und allgemeine digitale Inklusion, erreichen jedoch schwer zugängliche Zielgruppen kaum.
  • Die rasante Entwicklung digitaler Technologien – insbesondere der Künstlichen Intelligenz – führt dazu, dass die bisherigen Zielvorgaben inzwischen teilweise überholt sind.

IKT-Fachkräfte: Der Fachkräftemangel wird zum strategischen Risiko

Um die Ziele der Digitalen Dekade zu erreichen, sind deutlich mehr IKT-Fachkräfte erforderlich.

Neue Technologien wie Künstliche Intelligenz, Hochleistungsrechnen oder Big Data bieten großes Potenzial zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen. Dafür werden jedoch Fachkräfte mit technischen und überfachlichen Kompetenzen benötigt – und genau daran mangelt es in Europa.

Im Jahr 2025 beschäftigte die EU 10,5 Millionen IKT-Fachkräfte und erreichte damit lediglich die Hälfte des Ziels für 2030.

Der Bericht nennt mehrere strukturelle Ursachen:

  • Europa bildet zu wenige Absolvent*innen im IKT-Bereich aus. 2023 schlossen lediglich 2,7 von 1.000 jungen Menschen ein entsprechendes Studium ab. Zum Vergleich: In den USA lag der Wert bei 3,7, im Vereinigten Königreich bei 4,6.
  • Zwischen den Kompetenzen der Arbeitskräfte und den Anforderungen des Arbeitsmarktes besteht ein erheblicher Abstand. Technologien wie KI, Cloud Computing und Datenanalyse entwickeln sich schneller, als Bildungssysteme und Lehrpläne angepasst werden können. Hinzu kommen herstellerspezifische Zertifizierungen, die die Flexibilität des Arbeitsmarktes zusätzlich einschränken.
  • Frauen sind in technischen Berufen weiterhin deutlich unterrepräsentiert – von der Schulbildung über das Studium bis hin zum Berufseinstieg. Der Strategieplan für die MINT-Bildung, der im März 2025 vorgestellt wurde, soll MINT dauerhaft in der europäischen Bildungs- und Kompetenzpolitik verankern.
  • Der Bedarf an fortgeschrittenen digitalen Kompetenzen reicht inzwischen weit über den IKT-Sektor hinaus. Mit der zunehmenden Nutzung von KI in Bereichen wie Gesundheitswesen, Industrie, Logistik oder öffentlicher Verwaltung steigt der Fachkräftebedarf weiter. Das im Februar 2026 gestartete Pilotprojekt European Legal Gateway Office in Indien ist ein erster Schritt, um internationale Fachkräfte für die EU zu gewinnen.

Weiterführende Informationen

Das Maßnahmenpaket State of the Digital Decade 2026“ wurde von der Europäischen Kommission am 17. Juni 2026 veröffentlicht. Es umfasst den Bericht State of the Digital Decade 2026: Closing structural gaps and mobilising investments for 2030 and beyond, die Anhänge, Länderberichte sowie ein Arbeitsdokument der Kommissionsdienststellen mit Empfehlungen und einer übergreifenden Analyse auf EU-Ebene.

Geltungsbereich
Europäische Union